Smartphone-Führerschein als Pflicht?

Cybermobbing, online games mit versteckten Kosten und Medienkompetenz- wie da noch Schritt halten im Smartphone-Internet-Dschungel als Jugendlicher?

Von Leonard Wehrmann und Andreas Drost, 16.12. 2019

„Der Erwerb von Medienkompetenz ist zur Entwicklungsaufgabe geworden, um ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft werden zu können“ (Süss/Lampert/Winjinen 2013: 16). Doch was bedeutet das im Alltag für Jugendliche?

Es ist offensichtlich, dass digitale Medien das Leben von Kindern und Jugendlichen auf eine immer stärkere Art und Weise beeinflussen, als das Leben früherer Generationen. Spätestens seit der Jahrtausendwende befindet sich die Welt in einem enormen Umschwung- hin zu einer digitalen globalisierten Gesellschaft. Längst sind digitale Medien in der Alltagswelt der Jugendlichen angekommen. Es geht rasant weiter, was etwa die Entwicklung im Bereich Virtuelle Realität und Videospiele anbelangt.

Hierbei besteht ein Paradoxon. Jugendliche sind immer häufiger über Smartphones im Netz unterwegs, doch gibt es keine einheitlichen gesellschaftlichen Regelungen oder Voraussetzungen für die Nutzung dieser Geräte. Besonders bei Minderjährigen kann das zu Problemen führen, da sie auf verstörende nicht- jugendfreie Inhalte stoßen, unabsichtliche Käufe tätigen oder ein ungesundes Nutzungsverhalten entwickeln. Deshalb sind sogenannte Smartphone-Führerscheine und die Startvoraussetzungen bezogen auf Bildung für Jugendliche in der digitalen Welt wichtig anzuschauen. Ziel eines Smartphone-Führerschein ist es, in Absprache mit dem Kind oder Jugendlichen ein Bewusstsein für sein Smartphone Nutzungsverhalten herzustellen, Regeln auszuhandeln und Grenzen aufzuzeigen, um eine produktive und gesunde Nutzung zu gewährleisten. Gerade junge Menschen sind z.B. eher von Internetsucht betroffen (vgl. Müller 2016: 19) und können nicht immer eigene Grenzen setzen. Weitere Probleme bei der Internetnutzung werden im Bereich Social Media gesehen, wo sich die Jugendlichen oft ohne Kontrolle der Erwachsenen bewegen, wobei gerade hier die „elterliche Begleitung (…) von Reflexionsprozessen außerordentlich wichtig ist, um nicht politische Apathie oder Resignation zu fördern (Süss/Lampert/Winjinen 2013: 55). Schließlich sind die jetzigen Jugendlichen auch die Wähler der Zukunft. Der Einfluss des Bildungshintergrunds des Elternhauses erweist sich insgesamt bei den Orientierungskompetenzen der Jugendlichen und ihrer Gefahr für schädliche Internetnutzung als bedeutsam (vgl. Süss/Lampert/Winjinen 2013: 55). Die Theorie ist, dass Medienkompetenz auch ein entsprechend kompetentes Medien- Nutzungsverhalten mit einschließt, auch wenn die beiden Begriffe nicht das selbe meinen, da man trotz hoher Medienkompetenz ein sehr ungesundes Nutzungsverhalten haben kann.

Doch wie sieht das Mediennutzungsverhalten der Jugendlichen aus? Die JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest untersucht bereits seit 1998 repräsentativ den Medienalltag Jugendlicher in Deutschland zwischen 12-19 Jahren und ist über die Jahre zu einem wichtigem Datenlieferanten für medienpädagogische Arbeit geworden. Die Daten im weiteren Verlauf des Textes beziehen sich auf die JIM-Studien. Laut der Studie besitzen fast alle Jugendlichen (97 %) ein Smartphone. Computer und Laptops (70%) sind etwas weniger vorhanden, doch verfügen nahezu alle Haushalte (98%) über ein solches Gerät mit Internetzugang. Damit ist der Zugang der 12 bis 19-Jährigen zum Internet mehr oder weniger sichergestellt.

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Die Selbsteinschätzung der täglichen Internetnutzung zeigt sich dabei steigend (2008: 134 Minuten, 2014: 192 Minuten,
2017: 221 Minuten , 2018: 214 Minuten), auch wenn sie im Vergleich zu 2018 einen leichten Rückgang zeigen. . Fragt man, welche Geräte in den letzten 14 Tagen zur Internetnutzung genutzt wurden, dominiert das Smartphone bei Mädchen (96%), wie bei Jungen (92%). Somit verbringen fast alle Jugendliche täglich Stunden im Internet, oft mit dem Smartphone- sei es etwa auf dem Weg zur Schule mit dem Bus.

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Die Relevanz des Smartphones in der Lebenswelt der Jugendlichen scheint also tatsächlich sehr stark zu sein, doch wie sollte eine Medienkompetenz und ebenso ein kompetentes Mediennutzungsverhalten der Jugendlichen möglichst sichergestellt werden? Als Institution der Erziehung und Bildung sollte hier auch die Schule in Verantwortung stehen, auch wenn dies ein Mehr an Schulstoff bedeutet. Der Jugendliche von heute soll ohnehin bereits viele Informationen und Kompetenzen, z.B. in der Welt der Medien, beherrschen, es könnte zu kritisieren sein, dass neben den bisherigen schulischen Aufgaben Jugendliche auch noch möglichst kompetent in der schnellebigen und undurchsichtigen digitalen Welt sein. Dies scheint jedoch notwendig geworden zu sein, laut Kultusminister-Konferenz reicht es nicht aus, als Schüler nur ergebnisorientiert und sicher Dinge zu recherchieren, sondern langfristig sollen Medienkompetenzen aufgebaut werden, die auch noch Transfer für den Alltag haben (vgl. KMK 2016 ). Ein Einzug eines Smartphone Führerscheins in die Schulen könnte hier ein Mittel auf dem Weg zu den angestrebten Medienkompetenzen sein.

Doch was kann ein einzelner Smartphone-Führerschein zum Thema Medienkompetenz und Nutzungsverhalten überhaupt leisten? Welchen Umfang sollte er haben, welche Themen umfassen, welche Aussagen treffen und in wie weit kann er sich im Hinblick auf mögliche Veränderung und die kommenden Aufgaben der Digitalisierung- etwa mit virtual reality, oder weiteren, bis jetzt unbekannten Diensten von globalen webbasierten Unternehemen anpassen? Weiterhin gilt es zu beachten, dass für Jugendliche oft die engen Freunde, die sogenannten Peers bestimmten, was in ist und was nicht. Das Smartphone, wie auch immer wieder neue soziale Netzwerke, sind auf jeden Fall in und können bei entsprechendem Gruppendruck schnell ungesund genutzt oder überkonsumiert werden. Zumindest beinhaltet entsprechender Gruppendruck, weil beispielsweise die Freunde alle viel zeit in sozialen Netzwerken verbringen, dass die gelernten Kompetenzen der Schule und eines Smartphone-Führerscheins auf die Probe gestellt werden.

Erste Ansätze eines möglichen Smartphone Führerscheins verfolgt die therapeutisch stationäre Wohngrupe DA-HEIM in Darmstatt, die für die Smartphone Nutzung ihrer Bewohner einen zuvor aberlegten Smartphone Führerscheins für ihre Bewohner zwischen 12 und 16 Jahren vorsieht. Die Wohngruppe gibt damit strukturelle Einschränkungen vor, erlaubt beispielsweise keine Smartphones während der Mittagsruhe, installiert eine Drittanbietersperre auf den Smartphones, so dass die Jugendlichen sich nicht selber Apps installieren können und kontrolliert dies Monatlich. Doch auch Hilfen und Sicherheiten im Bereich Smartphone und Internet werden gegeben und über Datenschutz und Privatsphäre aufgeklärt,
dabei könnten Kinder und Jugendliche lernen, was hinter dem SAR-Wert steckt oder wie dafür zu sorgen ist, dass eine App- nicht unerlaubt automatisch Daten an Anbieter weitergibt (vgl. DA.HEIM 2018) . Dabei wird Medienkompetenz und Nutzung nicht nur vorgegeben, sondern von dem pädagogischen Team auch vorgelebt, das Team verwendet beispielsweise kein WhatsApp .

Auch das Kommunikationsunternehmen „Ay yildiz“ hat 2018 in Kooperation mit dem deutschen Kinderhilfswerk einen kindgerecht aufgearbeiteten Ratgeber, letztendlich die Vorstufe zu einem Smartphone Führerschein, herausgegeben, um auf Deutsch und Türkisch Erwachsene und Kinder über einen sinnvollen Umgang mit Smartphones zu informieren (vgl. Ay yildiz 2018). Auch hier geht es viel um Grenzen und Regeln der Benutzung des Smartphones, ebenso geht es aber auch um rechtliche Bedingungen wie das Einhalten des Rechts am Bild anderer Personen und wie man seine eigene Privatsphäre schützen kann (vgl. Ay yildiz 2018). Diese Wichtigen Themen sollten jedoch auf jeden Fall bereits in der Schule und nicht durch einen externen Ratgeber gelernt werden, da sie eine hohe Lebensweltrelevanz haben.

Es wird sich letzten Endes zeigen, wie weitreichend vonseiten der Schulpolitik und Sozialpädagogik im Bereich Smartphones gedacht wird- nicht zuletzt daran sichtbar, wie die nachfolgende Generation kommunizieren wird. Es bleibt spannend zu sehen, welche Gesellschaftliche Entwicklung Digitale Medien noch anstoßen werden.

Quellen:

Deutsches Kinderhilfswerk (2016): Fit fürs Handy. Der Handy guide für Kinder und Eltern. Abgerufen von https://www.ayyildiz.de/downloads/Handy_Guide_Deutsch.pdf [10.12.19]

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.), JIMStudie (2018): Jugend, Informationen, Medien.  Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger, 2018, in:
https://www.mpfs.de/studien/jim-studie/2018/ [17.11.2019].

Sekretariat der KMK (2016): Bildung in der digitalen Welt. Strategie der Kultusministerkonferenz. Abgerufen von www.kmk.org [10.12.19]

Süss, D., Lampert, C., Winjinen, C. (2010): Medienpädagogik. Ein Studienbuch zur Einführung, Wiesbaden: Springer GmbH.

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